Video kills the…

Heute mal was mit Kultur: Die Ober-Boulevard-Wachtmeisterin der LVZ schaut sich gerne Opern im Kino an.

Der Grund: Eine E-Mail, die bei Frau D. „ins Haus flatterte“

“Cinestar Leipzig präsentiert die Aufzeichnung des exklusiven Konzerts in Maastricht mit Walzerkönig André Rieu und seinem Johann Strauss Orchester. Karten sind für nur 18 € erhältlich.”

Aufgrund dessen ist Frau D. schwer besorgt, ob das nicht zum Absterben der lokalen und überregionalen Kulturlandschaft führen werde. Die Nachteile liegen klar auf der Hand:

Kein Regisseur quält an der Met sein Publikum mit Selbstfindungsprozessen [echtma, der verdammte Konwitschny, d. Red.], jeder fühlt sich einfach nur der Musik und dem Gesang verpflichtet, so wie sie in den Noten stehen. Dank der zwölf Kameras, die in New York jeden Winkel erreichen, kann man von Leipzig aus direkt in den Orchestergraben schauen und den Musikern in die Noten gucken. […] Als Zuschauer ist man derart dicht dran an den Solisten – oft Weltstars wie Anna Netrebko, Placido Domingo, Renée Fleming, die zauberhafte Elina Garanca oder der großartige Dresdner René Pape –, dass man ihnen bis auf die Plomben schauen kann.

BIS AUF DIE PLOMBEN! WIDERLICH! BAH! Nachdem sich Frau D. hier schon mächtig ausgekotzt hat, schiebt sie noch mal nach, um einem die Sache richtig madig zu machen:

Aber das ist ja nicht alles. Die Carmen-Inszenierung der Leipziger Oper konnte ich nun also mit der aus New York vergleichen. Und natürlich habe ich mir dazu auch noch „Carmen in 3D” aus dem Royal Opera House in London angeschaut. Im Kino!

Doch bei diesen enthusiastisch vorgetragenen Negativbeispielen belässt es Frau D. nicht, denn Leipzig hat längst zum Gegenschlag ausgeholt:

Leipziger Zuschauer wurden live zugeschaltet zum Sonisphere Festival in Sofia (Bulgarien), wo die „Big Four” des Heavy Metal auf der Bühne standen – die Bands Metallica, Slayer, Megadeth und Anthrax.

Das vermieste natürlich massiv die Stimmung, wer will schon Leipziger Fressen begutachten, wenn er eigentlich zu alten Männern das schüttere Haupthaar die Mähne kreisen lassen will (hier nebenbei ein kleines Gesellschaftsspiel für nette Abende: Nennen Sie jeweils drei Titel der genannten Bands und versuchen sie dann diese per Gestik und Mimik nachzustellen – na? gar nicht so einfach, wa?).

Alles in allem findet Frau D. diesen ganzen Oper-im-Kino-Schnickschnack also offensichtlich grauenvoll:

Wenn es zur Regel wird, dass die Stars ihre Konzerte im Internet übertragen oder live auf Kinoleinwänden in der ganzen Welt, ist das doch für alle Seiten eine super bequeme und kostengünstige Angelegenheit. Der Zuschauer ist irgendwie trotzdem live dabei, trotz großer räumlicher Entfernung, und bekommt besten Sound und besten Blick geboten. Dazu viele zusätzliche Infos, die er nicht mal vor Ort hätte. Der Eintritt kostet nur einen Bruchteil, die langwierige (und ebenfalls teure) An- und Abreise fällt gänzlich weg.

Wegfallen würde auch alles andere, was ein Live-Konzert so einzigartig und damit so störend und abstoßend macht.

Der Künstler wiederum muss mit seinem gigantischen Show-Bühnenbild, mit Licht- und Soundtechnik, nicht mehr so viel herumreisen, erreicht aber eine maximale Zahl von Zuschauern und bekommt von den Übertragungs-Lizenzgebühren (nehme ich jedenfalls an) seinen Anteil ab.

Na klar, und ich bin der Weihnachtsmann!

So bin ich ein bisschen ratlos über die Dinge, wie sie sich gerade entwickeln. Einerseits machen sie es möglich, dass wir musikalische Ereignisse miterleben können, zu denen wir sonst niemals gekommen wären. Andererseits ist vorhersehbar, dass es bald eine Flut solcher Angebote gibt, denn weitere Kinos werden nachrüsten.

Die Sorge von Frau D. über die Kulturlandschaft Leipzig wurde ja bereits aus den obigen Zitaten mehr als deutlich.

Als Folge dessen werden sich die Superstars noch mehr rar machen in Leipzig. Um das ”Gipfelteffen der Stars” mit Anna Netrebko, Erwin Schrott und Jonas Kaufmann live zu erleben, hätten wir doch diesen Sommer schon nach München oder Berlin fahren – und mindestens 300 Euro pro Ticket hinlegen müssen.

Und wer würde nicht alles gerne überteuerte Ticketpreise für unsäglich gehypte Showsternchen der Klassik hinblättern, die eigentlich nur Mittelmaß sind.

Denn schon seit längerem ist es recht still in Leipzig geworden, verirrt sich statt der A-Promis doch mehr die C-Liga hierher, um ihre neuen Programme/Filme/Bücher zu präsentieren.

Tja liebe Leipziger Kulturschaffende, das war’s dann wohl.

Und Besserung ist nicht in Sicht, denn, um auf den Anfang der ganzen Sache zurück zu kommen:

Nun also André Rieu, und ich komme ins Grübeln: Wird das dazu führen, dass Leipzig kulturell irgendwann tot ist, tiefste Provinz, ausgehungert und vergessen, so wie in den neunziger Jahren die Einkaufsstraßen?

Denn wer sich André Rieu gibt, der ist bereits kulturell tot, tiefste Provinz, ausgehungert und vergessen

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1 Antwort auf „Video kills the…“


  1. 1 prochaine arrêt 14. September 2011 um 21:32 Uhr

    gut ist vor allem der spruch: „Denn schon seit längerem ist es recht still in Leipzig geworden, verirrt sich statt der A-Promis doch mehr die C-Liga hierher, um ihre neuen Programme/Filme/Bücher zu präsentieren.“

    ja; und ich kann dir eine autorin nennen, die immer ganz nah dran ist… ;)

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