Archiv für November 2011

Bei akuter Amnesie

(Zum Vergrößern anklicken)

Karli

Just in case you‘ve forgotten…

Halt sagt da der rote Ampelmann…

Lieber MW, ich weiß, Sie lesen unseren kleinen, bescheidenen Blog mit. Geben Sie es ruhig zu, ich lese ja schließlich auch bei Ihnen mit. Und ganz ehrlich: so detailverliebt und kreativ war schon lange kein Polizeisprecher mehr. Was habe ich mit Ihnen schon gekotzt gelacht, hahaha, meine Schenkel sind schon ganz wund. Was Sie da fast tagtäglich für einen Scheiß verzapfen von sich geben ist schon bücherpreisverdächtig. Toll!

Dabei hatte alles so harmlos (und seriös) angefangen, damals:

Sonstiges
Seit 01.10.2011 übernimmt Herr Mario Weigelt die Position von Herrn Christian Otto als Pressesprecher für die Dauer von einem Jahr.

Doch Sie lassen sich offensichtlich nicht durch das Bürokratendeutsch hiesiger Amtsstuben in Fesseln legen, NEIN! Sie streben nach Höherem, einem zweiten Goethe gleich! Dieser Blogeintrag sei daher ganz allein Ihnen und Ihren neuesten Ergüssen gewidmet, also allem was nach diesen beiden Kleinodien aus Ihrer Feder geflossen ist.

Halt mein Junge, halte an!…
Ort: 04103 Leipzig, Grimmaischer Steinweg/ Augustusplatz
Zeit: 24.10.2011, gegen 17:00 Uhr

Gestern Nachmittag gegen 17:00 Uhr befuhr 23-jähriger Autofahrer stadteinwärts auf der Dresdner Straße. An der Kreuzung Augustusplatz bog er bei „Grün“ links ab, Richtung Ring-Café/ Moritzbastei. Kurz nach der Kreuzung „schoss“ ein fast 26-jähriger Radfahrer bei seiner „roten“ Ampel auf die Straße. Er kam aus Richtung Augustusplatz mit Fahrtrichtung Radisson SAS-Hotel. Auf der ganz linken Fahrspur kam es zum Zusammenstoß beider Verkehrsteilnehmer. Der Radfahrer unterlag.

[Ja, so kann man das auch ausdrücken.]

Die zur Hilfe gerufenen Polizeikräfte stellten Alkoholgeruch beim Radfahrer fest und unterzogen ihn einem Alkoholtest. Gute 1,0 Promille hatte er „im Turm“. In diesem Fall hatte er sich doch etwas zu viel Mut angetrunken, denn diese „Rotfahrt“ endete in einem Unfall. […] Hier ein Hinweis aus redaktioneller Sicht. Nach Kindern und Rentnern gehören Radfahrer zu den schwächsten Gliedern der Verkehrsteilnehmer.

[Was ist eigentlich mit Fußgängern?]

(mehr…)

Symbolfoto

Zwei Meldungen schreckten mich beim Überfliegen des Boulevard-Teils heute kurz auf. Zum einen das hier:

Eine alte Saalwette eingelöst? Eine ersthafte Erkrankung überstanden? Oder sind die Haare Teil des Anzugs, quasi als Kapuze?

Und zum andern:

Ja. Ist die Uni-Klinik vorbereitet?

Das Bild hängt schief

Die „Sächsische Zeitung“ (das ist so etwas wie die LVZ für Ostelbien) hat eine Kulturseite, die ab und zu auch fälschlicherweise als Feuilleton bezeichnet wird. Dort finden sich neben zahlreichen Fotos vom Tag der offenen Tür bei der Freiwilligen Feuerwehr Lückersdorf-Gelenau, ausführlichen Berichten von der „Großen Nacht der Schlager- und Oldiestars“ sowie dem Fernsehprogramm auch ab und zu Kolumnen, die sich an ein eher kulturpessimistisches Puplikum richten. Wer sich zum Beispiel auch häufiger von depressiven Negern in seiner Nachbarschaft gestört fühlt, in Gedanken schon das ein oder andere Pogrom an notorischen Pflaumenkuchen-Verweigerern geplant hat oder einfach mal wieder seinen „Das wird man in diesem Land ja wohl noch sagen dürfen“-Frust ablassen will, der findet in der anmaßend liebevoll auch „SZ“ genannten Zeitung seinen Anwalt. Allen anderen dürfte bei solchen Texten wohl eher die Kotze kommen.

Mittwoch, 2. November 2011 (Sächsische Zeitung)

MOMENT MAL! – Unsere Nerven liegen blank

Von Bettina Ruczynski

Darf man protestieren, wenn der alte Mann nachts obendrüber bohrt und sägt?
In der Wohnung über uns lebt ein alter Mann. Er hat keine Familie und bekommt nie Besuch. Er hört oft Reggae und singt laut traurige Lieder. Am liebsten nachts zwischen eins und drei. Direkt über unserem Schlafzimmer. Wir wohnen in einem Sechzigerjahre-Bau. Die Wände sind dünn. Manchmal summen wir nachts mit, wenn er uns wachhält. Es ist anzunehmen, dass der Mann Depressionen hat.

Ich habe ihn gefragt, als ich ihn mit frisch gebackenem Pflaumenkuchen heimsuchte, und er hat mir sein Medikament gezeigt. Richtig zu wirken scheint es nicht. Vielleicht hat ihn sein Arzt auch nicht verstanden, der Mann spricht kaum Deutsch. Abenteuerliche Wirren haben ihn aus der Karibik, wo der er zur Welt kam, in die Wohnung über uns verschlagen.

Vor einigen Wochen scheint der Mann auf ein wirksames Antidepressivum gestoßen zu sein: Er hat das Heimwerken und die Wunder der Schlagbohrmaschine für sich entdeckt. Leider auch für uns. Regelmäßig trägt er jetzt Bretter, Fußbodenleisten, Laminat und vielerlei, was der Baumarkt hergibt, in seine Wohnung. Baumärkte geben sehr viel her. Seit der alte Mann die Schlagbohrmaschine gekauft hat, gönnt er ihr keine Ruhe. Uns auch nicht. Über uns wird gehämmert und gesägt und gesungen. Die einsamen, langen Tage des alten Mannes haben jetzt Struktur. Und die geben Hammer und Bohrer vor. Migräne erzeugendes Jaulen schwallt tagsüber in schrillen Tonlagen aus der Wohnung über uns – hinein in unsere geplagten Ohren.

Der Gatte hat es gut: Er darf sein Brot außer Haus verdienen. Ich sitze am Computer und schreibe diesen Text, während mein Nachbar an einem Holzbrett und an meinen Nerven sägt. Natürlich haben wir mit dem alten Mann geredet, als er nachts ausprobierte, ob die Tischkreissäge auch zu später Stunde noch Tische kreiszusägen vermag. (Sie vermag es.) Seine großen, dunklen Augen füllten sich mit Tränen, als wir vor seiner Tür standen und tapfer den Lärm beklagten. Bei diesem Anblick kamen wir uns kleinkariert vor. Und hatten ein schlechtes Gewissen: der arme, alte, einsame Mann. Hat doch sonst keine Freude im Leben. Ja, Ohrstöpsel habe ich ausprobiert. Und nein, die bringen nichts, weil ich weder schlafen noch schreiben kann, wenn ich meinem eigenen Blut beim Kreislaufen zuhören muss.

Unsere Nerven liegen blank. Der Gatte und ich, eigentlich ein glücklich liebend Paar, geraten uns wegen jeder Kleinigkeit in die Haare. Wir mögen unsere Wohnung. Doch neuerdings bilden wir Sätze, in denen das Wort „Umzug“ vorkommt. Der Gatte, der es nicht so mit dem Handwerken hat, hegt noch immer die Hoffnung, dass der alte Mann über uns irgendwann einmal fertig sein wird mit dem, was er tut. Ich hege diese Hoffnung nicht. Hier ist längst der Weg das Ziel. Dieser Krach hört niemals auf.

Ich hegte eine andere Hoffnung: Wir wohnen schließlich in einem Mehrfamilienhaus. Einer unserer Nachbarn, sicher der Opel-Fahrer, der jedes Ball spielende Kind in Panik versetzt, würde dem alten Mann über uns mitleidlos die Meinung geigen. Und dann wäre Ruhe. Doch diese Hoffnung ist gestorben. Denn ich hatte nicht bedacht, dass wir in Zeiten äußerster politischer Korrektheit leben. Politisch korrekt ist: auf die FDP schimpfen, gegen unterirdische Bahnhöfe demonstrieren, tolerant sein gegen Mitbürger mit Migrationshintergrund und den Joghurt-Becher vor dem Wegschmeißen ausspülen.

Habe ich erwähnt, dass der Schlagbohrmaschinenfreund über uns das ist, was man früher einen, pardon, Neger nannte? Er ist so farbig wie Obama, nur viel, viel dunkler. Kein politisch korrekter Deutscher wird einem depressiven, alten, schwarzen Mann seine einzige Freude nehmen, die Schlagbohrmaschine. So werden wir also auswandern. Auf eine Karibik-Insel. Da ist auch das Wetter besser.

(im Netz nur als kostenpflichtige Version; wir danken dem Spender!)