Das Bild hängt schief

Die „Sächsische Zeitung“ (das ist so etwas wie die LVZ für Ostelbien) hat eine Kulturseite, die ab und zu auch fälschlicherweise als Feuilleton bezeichnet wird. Dort finden sich neben zahlreichen Fotos vom Tag der offenen Tür bei der Freiwilligen Feuerwehr Lückersdorf-Gelenau, ausführlichen Berichten von der „Großen Nacht der Schlager- und Oldiestars“ sowie dem Fernsehprogramm auch ab und zu Kolumnen, die sich an ein eher kulturpessimistisches Puplikum richten. Wer sich zum Beispiel auch häufiger von depressiven Negern in seiner Nachbarschaft gestört fühlt, in Gedanken schon das ein oder andere Pogrom an notorischen Pflaumenkuchen-Verweigerern geplant hat oder einfach mal wieder seinen „Das wird man in diesem Land ja wohl noch sagen dürfen“-Frust ablassen will, der findet in der anmaßend liebevoll auch „SZ“ genannten Zeitung seinen Anwalt. Allen anderen dürfte bei solchen Texten wohl eher die Kotze kommen.

Mittwoch, 2. November 2011 (Sächsische Zeitung)

MOMENT MAL! – Unsere Nerven liegen blank

Von Bettina Ruczynski

Darf man protestieren, wenn der alte Mann nachts obendrüber bohrt und sägt?
In der Wohnung über uns lebt ein alter Mann. Er hat keine Familie und bekommt nie Besuch. Er hört oft Reggae und singt laut traurige Lieder. Am liebsten nachts zwischen eins und drei. Direkt über unserem Schlafzimmer. Wir wohnen in einem Sechzigerjahre-Bau. Die Wände sind dünn. Manchmal summen wir nachts mit, wenn er uns wachhält. Es ist anzunehmen, dass der Mann Depressionen hat.

Ich habe ihn gefragt, als ich ihn mit frisch gebackenem Pflaumenkuchen heimsuchte, und er hat mir sein Medikament gezeigt. Richtig zu wirken scheint es nicht. Vielleicht hat ihn sein Arzt auch nicht verstanden, der Mann spricht kaum Deutsch. Abenteuerliche Wirren haben ihn aus der Karibik, wo der er zur Welt kam, in die Wohnung über uns verschlagen.

Vor einigen Wochen scheint der Mann auf ein wirksames Antidepressivum gestoßen zu sein: Er hat das Heimwerken und die Wunder der Schlagbohrmaschine für sich entdeckt. Leider auch für uns. Regelmäßig trägt er jetzt Bretter, Fußbodenleisten, Laminat und vielerlei, was der Baumarkt hergibt, in seine Wohnung. Baumärkte geben sehr viel her. Seit der alte Mann die Schlagbohrmaschine gekauft hat, gönnt er ihr keine Ruhe. Uns auch nicht. Über uns wird gehämmert und gesägt und gesungen. Die einsamen, langen Tage des alten Mannes haben jetzt Struktur. Und die geben Hammer und Bohrer vor. Migräne erzeugendes Jaulen schwallt tagsüber in schrillen Tonlagen aus der Wohnung über uns – hinein in unsere geplagten Ohren.

Der Gatte hat es gut: Er darf sein Brot außer Haus verdienen. Ich sitze am Computer und schreibe diesen Text, während mein Nachbar an einem Holzbrett und an meinen Nerven sägt. Natürlich haben wir mit dem alten Mann geredet, als er nachts ausprobierte, ob die Tischkreissäge auch zu später Stunde noch Tische kreiszusägen vermag. (Sie vermag es.) Seine großen, dunklen Augen füllten sich mit Tränen, als wir vor seiner Tür standen und tapfer den Lärm beklagten. Bei diesem Anblick kamen wir uns kleinkariert vor. Und hatten ein schlechtes Gewissen: der arme, alte, einsame Mann. Hat doch sonst keine Freude im Leben. Ja, Ohrstöpsel habe ich ausprobiert. Und nein, die bringen nichts, weil ich weder schlafen noch schreiben kann, wenn ich meinem eigenen Blut beim Kreislaufen zuhören muss.

Unsere Nerven liegen blank. Der Gatte und ich, eigentlich ein glücklich liebend Paar, geraten uns wegen jeder Kleinigkeit in die Haare. Wir mögen unsere Wohnung. Doch neuerdings bilden wir Sätze, in denen das Wort „Umzug“ vorkommt. Der Gatte, der es nicht so mit dem Handwerken hat, hegt noch immer die Hoffnung, dass der alte Mann über uns irgendwann einmal fertig sein wird mit dem, was er tut. Ich hege diese Hoffnung nicht. Hier ist längst der Weg das Ziel. Dieser Krach hört niemals auf.

Ich hegte eine andere Hoffnung: Wir wohnen schließlich in einem Mehrfamilienhaus. Einer unserer Nachbarn, sicher der Opel-Fahrer, der jedes Ball spielende Kind in Panik versetzt, würde dem alten Mann über uns mitleidlos die Meinung geigen. Und dann wäre Ruhe. Doch diese Hoffnung ist gestorben. Denn ich hatte nicht bedacht, dass wir in Zeiten äußerster politischer Korrektheit leben. Politisch korrekt ist: auf die FDP schimpfen, gegen unterirdische Bahnhöfe demonstrieren, tolerant sein gegen Mitbürger mit Migrationshintergrund und den Joghurt-Becher vor dem Wegschmeißen ausspülen.

Habe ich erwähnt, dass der Schlagbohrmaschinenfreund über uns das ist, was man früher einen, pardon, Neger nannte? Er ist so farbig wie Obama, nur viel, viel dunkler. Kein politisch korrekter Deutscher wird einem depressiven, alten, schwarzen Mann seine einzige Freude nehmen, die Schlagbohrmaschine. So werden wir also auswandern. Auf eine Karibik-Insel. Da ist auch das Wetter besser.

(im Netz nur als kostenpflichtige Version; wir danken dem Spender!)

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1 Antwort auf „Das Bild hängt schief“


  1. 1 nexus 09. November 2011 um 16:15 Uhr

    nach dem lachen kommen mir die tränen.
    da will die bettina doch fast den dorf-nazi
    zum geigenunterricht bei ihrem problemnachbarn
    vorbeischicken. früher hätte man gesagt,
    pardon, miese stasi-sau. finger brechen,
    aber kein politisch korrekter deutscher
    würde einer zu hause arbeiteten depressiven
    journalistin ihre einzige freude nehmen,
    nachbarn denunzieren.

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