Archiv für Januar 2012

Alle großen Männer sind bescheiden.

Der Kustos der Universität Leipzig hat den Betreibern der Moritzbastei jetzt schriftlich mitgeteilt, dass die Universität für das Foyer ihres neuen Hauptgebäudes gern die alte Kollosalbüste Gotthold Ephraim Lessings zurück hätte, die bisher im Café der MB aufgestellt war. Das ist schon recht frivol!
Lassen wir dir eigentumsrechtlichen Fragen mal kurz beseite, denn die sind hier wohl auch für die Uni nur sekundär. Die wollen sich den Lessing nicht einfach so ins Zentrum ihres neuen Repräsentationsgebäudes stellen, nur weil er eben der Uni gehört. Mit der selben Begründung hätte man auch das gigantische Marx-Relief wieder am Augustusplatz aufstellen können: Immerhin „am ursprünglichen Standort“, wie in solchen Fällen ja gern argumentiert wird. Aber Marx passt eben gerade nicht zum Image der neuen alten Universität, die ja, wie wir alle wissen, nicht einfach nur irgendeine „Universität“ ist, sondern die „Alma Mater Lipsiensis“. Hier gibt es ein Herder-Institut und eine überlebensgroße Leibniz-Statue. Und wenn einer mal den Vorschlag macht ein Institut nach Ernst Bloch zu bennennen, dann rufen alle „Pfui, du Stalinist“!
Na gut, Marx hat nie in Leipzig studiert. War warscheinlich auch nie hier; braucht also kein Gedenken. Das ist bei Lessing zumindest ein bisschen anders: Der war mal in Leipzig und das wird ja wohl genügen! Diese Art der Geschichtspolitik erinnert ein bisschen an den Papst-Kult in Polen: Da wurde ja mittlerweile auch jede Treppenstufe vergoldet, die der selige Wojtyła je betreten/geküsst/gesehen/gemieden/… hat. Die Universität steht dem in nichts nach: Sie hat in ihrem Merchandise-Repertoire sogar ein T-Shirt mit einem Lessing-Zitat: „Alle großen Männer sind bescheiden. Gotthold Ephraim Lessing, Studium und Promotion an der Universität Leipzig von 1746 bis 1748.“
Bescheidenheit stünde dem Kustos bzw. der Universität in diesem Punkt auch mal gut zu Gesicht. „Studium“ ist im Falle Lessings ja schon ziemlich übertrieben. Jeder kann in seinen Briefen an die Eltern nachlesen, was er in Leipzig wirklich die ganze Zeit getrieben hat. „Promotion“ ist dann aber ganz frech gelogen, denn die hat er an der Universität Wittenberg abgelegt.
Als Student hat sich Lessing denn auch nicht anders verhalten, als viele Studentengenerationen vor und nach ihm: Er hat Vorlesungen geschmissen, er hat die Grenzen seiner Aufnahmefähigkeit billiger alkoholischer Getränke erkundet, er hat all sein Geld vor Monatsende auf den Kopf gehauen, er hat sich in verruchter Gesellschaft amüsiert. Man kann mit einiger Sicherheit davon ausgehen, dass er wohl nur selten in den lichtdurchfluteten Foyers repräsentativer Universitätsgebäude abgehangen hat. Die Lessing-Büste gehört also genau dahin, wo sie bis jetzt stand: An den Ort kultureller Zerstreuung und alkoholischer Grenzerkundungen. Alles andere wäre unrechtmäßige Selbstbeweihräucherung akademischer Eliten – und damit nur ein weiteres Beispiel für die Ausblendung studentischer Alltags- und Erfahrungswelten aus den Epen und Sagen der ehrwürdigen „Alma Mater Lipsiensis“.

What you need

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Albertina

Wer braucht schon Frieden und Freiheit?

every move you make

Wie alle erfolgreichen Global Player des Internets ist auch prochaine arrêt daran interessiert, seine Nutzer auszuspionieren, äh rund um die Uhr zu überwachen … ich meine, individuell und auf persönliche Interessen abgestimmt zu betreuen. Dafür haben wir unseren blogcounter. Und da mir zur Zeit auch nicht viel einfällt, ist ein bisschen Selbstreflexion und breaking the fourth wall immer eine gute Ablenkung.
Suchanfragen, zum Beispiel. Wie kommen unsere Leser auf unsere Seite, wenn das Anlegen eines Lesezeichens zu umständlich ist und einfach mal schnell „prochaine arrêt“ bei Google einzutippen doch so viel Zeit und Nerven spart? Überraschenderweise ist das auch die häufigste Suchanfrage, gefolgt (jedoch abgeschlagen) von „Zentrum für Namensforschung“, was ja nur von verwirrten und übernächtigten Studenten nach 3 Bier zuviel kommen kann.

Doch neben diesen erwartbaren Ergebnissen werden wir auch über Suchbegriffe erreicht, die mehr über die Suchenden aussagen, als denen lieb sein kann. Deshalb haben wir ahnungslose und unschuldige Leipziger auf der Straße überfallen und mit sinnlosen Fragen bombardiert, um sie als lustige „Talking Heads“ zu missbrauchen! Nicht nur die alltäglichen Fragen des Lebens („kaffeedieb gefasst leipzig“ oder „widerspruch gegen blitzer travniker straße“) treiben die Leser um, anscheinend ist die Leipziger Polizei so erfolgreich in ihrer Drogenbekämpfung, dass sich auf der Straße kaum noch Dealer finden lassen und man schon bei Google nach ihnen suchen muss. Eine Schande! Hier also eine kleine Auswahl der Suchanfragen:
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21,54 Euro – „prochaine arrêt Charity“ sagt Danke!

+++ Pressemitteilung: Die prochaine arrêt Charity Ltd. freut sich über das tolle Ergebnis der diesjährigen „Frühstück für den guten Zweck 2012″-Gala. +++

Nach der Lektüre des heutigen Heldenstadt-Posts war uns von prochaine arrêt klar, dass wir sofort handeln mussten. Bis zu drei Teilnehmer nahmen live an der spontan aufgezogenen „Frühstück für den guten Zweck 2012″-Gala teil. Nach mehr als einer halben Stunde voller großer Gefühle hatten sie sagenhafte 12,34 Euro zusammengekratzt. Sogar die Katze wurde von den Emotionen am Küchentisch überwältigt und spendete einen zerknüllten 5-Euro-Schein, den sie vor einiger Zeit mal unter den Kühlschrank geschnipst hatte. Auch die Promis an den Telefonen waren gerührt: „Wir haben um diese Uhrzeit zwar nur einen Kumpel erreicht, aber der brach in Tränen aus, als er von unserm Vorhaben hörte! Selbstlos verzichtete er darauf heute mit der Straßenbahn in die UB zu fahren und spendete die 4,20 Euro für die gute Sache.“
Kurz vor halb 10 waren somit insgesamt 21,54 Euro zusammengekommen, von denen jeder Cent ohne Abzüge einer armen Seele aus München Leipzig zugute kommen soll. prochaine arrêt möchte Frau Bettina Kudla (MdB) ein Schnupper-Abo einer überregionalen deutschen Tageszeitung (wahlweise auch der KNAX-Zeitschrift) schenken. Mit ihrer Pressemitteilung sowie einem Telefoninterview mit „Leipzig Fernsehen“ zur Causa „Christian Wulf“ hat sie uns zutiefst gerührt.

Wir von prochaine arrêt wollen es nicht länger hinnehmen, dass unseren Abgeodneten zur morgendlichen Lektüre offenbar nicht mehr als ein paar Pixi-Bücher zur Verfügung stehen!

Wir von prochaine arrêt wollen es nicht länger hinnehmen, dass die Politikverdrossenheit unter unseren Abgeodneten weiter zunimmt!

Wir von prochaine arrêt wollen mit unserer Aktion ein Zeichen für Bildungsgerechtigkeit setzen, damit Menschen wie Frau Kudla in Zukunft nicht mehr völlig ahnungslos in jedes offene Mikrofon rennen!