Alle großen Männer sind bescheiden.

Der Kustos der Universität Leipzig hat den Betreibern der Moritzbastei jetzt schriftlich mitgeteilt, dass die Universität für das Foyer ihres neuen Hauptgebäudes gern die alte Kollosalbüste Gotthold Ephraim Lessings zurück hätte, die bisher im Café der MB aufgestellt war. Das ist schon recht frivol!
Lassen wir dir eigentumsrechtlichen Fragen mal kurz beseite, denn die sind hier wohl auch für die Uni nur sekundär. Die wollen sich den Lessing nicht einfach so ins Zentrum ihres neuen Repräsentationsgebäudes stellen, nur weil er eben der Uni gehört. Mit der selben Begründung hätte man auch das gigantische Marx-Relief wieder am Augustusplatz aufstellen können: Immerhin „am ursprünglichen Standort“, wie in solchen Fällen ja gern argumentiert wird. Aber Marx passt eben gerade nicht zum Image der neuen alten Universität, die ja, wie wir alle wissen, nicht einfach nur irgendeine „Universität“ ist, sondern die „Alma Mater Lipsiensis“. Hier gibt es ein Herder-Institut und eine überlebensgroße Leibniz-Statue. Und wenn einer mal den Vorschlag macht ein Institut nach Ernst Bloch zu bennennen, dann rufen alle „Pfui, du Stalinist“!
Na gut, Marx hat nie in Leipzig studiert. War warscheinlich auch nie hier; braucht also kein Gedenken. Das ist bei Lessing zumindest ein bisschen anders: Der war mal in Leipzig und das wird ja wohl genügen! Diese Art der Geschichtspolitik erinnert ein bisschen an den Papst-Kult in Polen: Da wurde ja mittlerweile auch jede Treppenstufe vergoldet, die der selige Wojtyła je betreten/geküsst/gesehen/gemieden/… hat. Die Universität steht dem in nichts nach: Sie hat in ihrem Merchandise-Repertoire sogar ein T-Shirt mit einem Lessing-Zitat: „Alle großen Männer sind bescheiden. Gotthold Ephraim Lessing, Studium und Promotion an der Universität Leipzig von 1746 bis 1748.“
Bescheidenheit stünde dem Kustos bzw. der Universität in diesem Punkt auch mal gut zu Gesicht. „Studium“ ist im Falle Lessings ja schon ziemlich übertrieben. Jeder kann in seinen Briefen an die Eltern nachlesen, was er in Leipzig wirklich die ganze Zeit getrieben hat. „Promotion“ ist dann aber ganz frech gelogen, denn die hat er an der Universität Wittenberg abgelegt.
Als Student hat sich Lessing denn auch nicht anders verhalten, als viele Studentengenerationen vor und nach ihm: Er hat Vorlesungen geschmissen, er hat die Grenzen seiner Aufnahmefähigkeit billiger alkoholischer Getränke erkundet, er hat all sein Geld vor Monatsende auf den Kopf gehauen, er hat sich in verruchter Gesellschaft amüsiert. Man kann mit einiger Sicherheit davon ausgehen, dass er wohl nur selten in den lichtdurchfluteten Foyers repräsentativer Universitätsgebäude abgehangen hat. Die Lessing-Büste gehört also genau dahin, wo sie bis jetzt stand: An den Ort kultureller Zerstreuung und alkoholischer Grenzerkundungen. Alles andere wäre unrechtmäßige Selbstbeweihräucherung akademischer Eliten – und damit nur ein weiteres Beispiel für die Ausblendung studentischer Alltags- und Erfahrungswelten aus den Epen und Sagen der ehrwürdigen „Alma Mater Lipsiensis“.

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