Wenn alles nur so einfach wäre

Gestern stellte die Polizeidirektion Leipzig ihre Kriminalstatistik für das Jahr 2011 vor. Wenig überraschend, dass die BachHeldenMesseRedBullVölkerschlacht-Stadt in den Medien der LVZ natürlich als übelstes Sodom&Gomorrha® gewürdigt wurde. Allzuviel erhellendes hatten die Wachtmeister auf ihrer PK allerdings nicht zu erzählen. Diebstahl und Drogen, das war das einzige, was irgendwie wichtig erschien, achja, Ausländer und Auffe Fresse gabs auch noch – naja, Hauptsache Leipzig ist die Kriminalitätshochburg im Freistaat schlechthin.

Wer sich die Mühe macht, den – ein wenig versteckten – Jahresüberblick zur PK Sachsen 2011 zu finden (hier), der kann sich mal wieder über die leicht selektive (und gesteuerte) Wahrnehmung von Journalisten amüsieren, wenn es um Statistiken geht. (Betroffene berichten)

Hier eine kleine Zusammenschau:

1. 2011 stieg die Anzahl der Straftaten in Leipzig: 64.728 Fälle verzeichnet die Kriminalstatistik, fast sieben Prozent mehr als im Jahr zuvor. „Wir liegen damit leider wieder an erster Stelle in Sachsen“, sagte Polizeipräsident Horst Wawrzynski am Dienstag bei der Vorstellung der Jahreszahlen. – Mehr als jede fünfte Straftat in Sachsen wird in Leipzig begangen, damit liegt die Messestadt auf dem unrühmlichen ersten Platz im Freistaat.

Nach der PK 2011 sei dies ein Anstieg um 4194 erfassten Straftaten (2010 insgesamt 60.534), ein Plus von 6,9% – in Dresden stieg die Zahl der erfassten Straftaten übrigens um 12,4% (von 47403 auf 53.259). Das macht es nicht besser, aber wäre interessant zu erwähnen gewesen. Der zuletzt zitierte Satz könnte übrigens fast genauso für Dresden gelten.

(Zum Vergrößern anklicken)

(Zum Vergrößern anklicken)

2. Nahezu jedes zweite Delikt ist ein Diebstahl. Aus Läden, Lauben und Autos, aus Häusern und auf offener Straße wird geklaut. Wawrzynski: „Indirekte Beschaffungskriminalität bleibt unser größtes Problem.“

„Diebstahl ohne erschw. Umstände“ (12.347 – 19,1%) und „Diebstahl unter erschw. Umständen“ (17.766 – 27,4%) machen in der Tat zusammen 30.123 erfasste Fälle aus (46,5%). Damit liegt Leipzig zwar ein wenig über dem sächsischen Durchschnitt (41,2%), aber extrem außergwöhnlich ist das nicht. Zudem haben wir in Leipzig noch „Vermögens- und Fälschungsdelikte“ mit 15.282 erfassten Fällen (23,6%) und „sonstige Straftatbestände StGB“ (10.594 – 16,3%), d.i. etwa Sachbeschädigung (6.785 erfasste Fälle)…hört man davon etwas im Bericht? Achwas! Wen interessierts!
Dafür lieber einen kruden Zusammenhang mit Beschaffungskriminalität (1.458 erfasste Fälle – 2,25%) aufmachen, wie man darauf gekommen ist, lässt sich aus der Statistik jedenfalls nicht erschließen.

(Zum Vergrößern anklicken)

3. Insgesamt liegt Leipzig bei den Drogendelikten mit 1485 Fällen in Sachsen auf Platz zwei hinter der Polizeidirektion Chemnitz/Erzgebirge.

Siehe oben. Bei insgesamt 8.096 erfassten Fällen in ganz Sachsen liegt Leipzig damit bei rund 18%, Chemnitz/Erzgebirge mit 1.636 Fällen bei 20,2% (Dresden: 1.054 – 13,0%). Falls man jetzt einwenden wollte „Jaha, aber die PD Chemnitz/Erzgebirge ist ja viel größer als die PD Leipzig, dementsprechend muss ja in Leipzig das Drogenproblem viel größer sein.“ – Das stimmt, aber nur von der Größe her. In der PD Chemnitz/Erzgebirge kommen auf 100.000 Einwohner 5.460 erfasste Fälle, in Leipzig sind es 12.379. In Leipzig kommen also auf die gleiche Anzahl von Einwohnern doppelt soviele erfasste Straftaten – und trotzdem liegt die PD Chemnitz/Erzgebirge bei den Rauschgiftsdelikten noch vor Leipzig…da könnte man sich auch fragen, wer da wohl das größere Drogenproblem hat. – Im Grunde ist Ausmaß und Bedeutung von Rauschgiftkriminalität im Vergleich zu anderen Straftaten marginal, die mediale Überhöhung macht den Unterschied (man siehe unseren Drogenticker, wo die Anzahl an Meldungen kaum im Verhältnis zum tatsächlichen Strafausmaß steht).
Die Leipziger Polizei liefert die Erklärung für den extremen Drogenkonsum der Messestädtler auch gleich mit:

Dass in der Messestadt rund um das Thema Rauschgift 275 Verstöße mehr registriert wurden als im Vorjahr, erklärt der Polizeipräsident mit den Großeinsätzen, sogenannten Komplexkontrollen. Durch die groß angelegten, flächendeckenden Kontrollen an öffentlichen Plätzen werde das Dunkelfeld aufgehellt.

Dunkelfeld aufhellen bedeutet aber leider nicht, dass auch tatsächlich mehr Delikte begangen wurden – nur die Polizei kriegt halt jetzt erst davon Wind! Oder wie es die PKS sagt: Rauschgiftdelikte werden nur in Ausnahmefällen von Bürgern angezeigt. Die Zahl der bekannt gewordenen Fälle beschreibt das tatsächliche Ausmaß der Straftatengruppe Rauschgiftdelikte (BtMG) deshalb auch nicht annähernd. Sie drückt eher den Umfang der polizeilichen Maßnahmen aus. (Polizeiliche Kriminalstatistik Jahresüberblick 2011, S.38, Anm.1)

(Zum Vergrößern anklicken)

4. Die Zahl der Wohnungseinbrüche kletterte 2011 mit 1429 Fällen (1162 im Jahr 2009; 1411 im Jahr 2010) auf ein neues Hoch. Nach einer Sonderauswertung gehören 44 Prozent der ermittelten Täter zur Drogenszene. Die Aufklärungsrate der „Ermittlungsgruppe Wohnung“ liegt bei 22,5 Prozent.

Genau, ein Anstieg von 18 Fällen zum Vorjahr ist ja auch ein dramatisches neues Hoch. Sie machen damit rund 8% aller erfassten Fälle von „Diebstahl unter erschwerten Bedingungen“ aus.
Aber was steht da genau? Die Aufklärungsrate liegt bei 22,5% – also wurden bei 1429 Fällen in nur 322 Fällen die Täter ermittelt. Davon gehörten laut Ermittlungen 44% zur Drogenszene – 44% von 322 – also rund 142…von den erfassten Wohnungseinbrüchen können damit also nur rund 10% sicher dem Drogenmilieu zugeordnet werden! Na herzlichen Glückwunsch zur Nicht-Bestätigung der These: „Nahezu jedes zweite Delikt ist ein Diebstahl. Aus Läden, Lauben und Autos, aus Häusern und auf offener Straße wird geklaut. Wawrzynski: „Indirekte Beschaffungskriminalität bleibt unser größtes Problem.“
So kann man halt jedem Heinz von der LVZ erzählen, dass Drogen und Beschaffungskriminalität an allem Schuld sind.

Was sonst noch geschah:

+ Von 19.143 Tatverdächtigen waren in Leipzig 2316 nichtdeutscher Herkunft (12,1 Prozent).

Im Umkehrschluss heißt das auch, dass 87,9% der Tatverdächtigen Deutsche waren.

+ Jede 21. Straftat in Leipzig ist ein Pkw-Aufbruch. Schwerpunkt ist der Klau von Navigationsgeräten, die meist nach Osteuropa verschoben werden – oder schon bald beim Internetautkionshaus wieder auftauchen. 867 Geräte wurden in Leipzig aus Autos gestohlen, davon waren 560 Geräte fest installiert.

Interessant, wenn man bedenkt, dass laut der PKS 2011 der Diebstahl aus PKWs rückläufig ist – um 17% (in Dresden stiegen solche Vergehen hingegen um 36,5%).
Wunderbar irrelevant, aber warum sollte man nicht suggerieren, dass Polen Ausländer unsere japanischen deutschen Wagen aufbrechen um unsere chinesischen deutschen Navis zu klauen!

Alles in allem also viel heiße Luft und kaum Neues. Was haben wir gelernt? Die Polizei hat in ihrem nahezu manischen Aktionismus des letzten Jahres ein paar mehr Kiffer zu fassen bekommen als vorher. Damit erklären sich nun die großen Rätsel des Universums oder zumindest Leipzigs: Wohnungseinbrüche, Diebstahl, Schlägereien und Verkehrsgefährdung – hinter allem steckt der Drogenteufel. Gottseidank muss man also nur noch allmonatlich eine „Komplexkontrolle“ inszenieren, zufällig ein paar LVZ-Fotografen mit in den Dienstwagen nehmen und schon werden sich alle Probleme in Luft auflösen…

Die Polizeireform, die bis 2025 für Sachsen einen Stellenabbau und die Reduzierung von sieben auf fünf Polizeidirektionen vorsieht, ändere daran erstmal nichts.

Wie effektive Polizeiarbeit aussieht, kann man übrigens dem gestrigen Polizeibericht entnehmen:

Die Besatzung eines Funkstreifenwagens befand sich in Miltitz und fuhr im Auenweg stadtauswärts hinter einem Linienbus.

(Abbildungen aus dem Jahresüberblick zur PK Sachsen 2011)

share:
  • Twitter
  • email
  • Tumblr
  • RSS