Polizeisprech

Heute müssen wir uns mal damit auseinandersetzen, wie die Leipziger Polizei sich so in der Öffentlichkeit ausdrückt. Als selbsternannter Drogenbeauftragter von prochaine arrêt, komme ich ja immer wieder in den zweifelhaften Genuss, die „Medieninformationen“ der Ordnungshüter lesen zu dürfen, was (sprachlich) schon recht schwer zu verdauen ist. Mir fallen dabei jedoch immer wieder kleine Regelmäßigkeiten in der Sprachwahl auf, die ein Bild davon vermitteln, wie die Beamten ihrer Tätigkeit so gegenüberstehen.

Recht eindeutig lassen sich zwei Grundhaltungen im Schreibstil der Polizeibeamten ausmachen: Häme und Empörung. Dies sind für mich die beiden Säulen, an denen sich die geplagte Beamtenseele noch aufrichten kann.


Sich mittels subtiler, oft herablassend konnotierten Wortwendungen über die „Kriminellen“ lustig zu machen deute ich freihändig als Mittel der Kompensation, um die mangelnde Anerkennung des eigenen Berufs durch die Bevölkerung auszugleichen. Kann man schon keinen Respekt mehr gegenüber der Uniform erwarten (gute alte Zeit damals), so steht man doch immer noch über dem gesellschaftlichem Abschaum, der sich mit kriminellen Handlungen durchschlagen muss – und man zeigt es durch all die kleinen lustigen Gags, die man in so eine Polizeimeldung einbaut (oder den betreffenden Beamten ist einfach nur irre langweilig). Indem man gleichzeitig die Kriminalität in die Sphäre des Lächerlichen drängt, versucht man ihr so vermeintlich das Bedrohliche zu nehmen und damit den Leser der Meldungen zu beruhigen. Ob das allerdings gelingt, wenn man Diebe als „Langfinger“ verharmlost und Drogensüchtige in seinem Bekanntenkreis wähnt (siehe die Beispiele unten), steht auf einem anderen Blatt.

Aber, wird der lautere Leser ausrufen, diese Verbrecher haben es ja nicht besser verdient. Und da sind wir bei der Empörung. Oft gekoppelt mit einem erheblichen Maß an Besserwisserei, spricht hier der Polizist dem „kleinen Mann“ aus der Seele, der all das zwielichtige Gesocks am besten gleich gestern aufgeknüpft sehen möchte. Diebe und Drogensüchtige, Betrüger, Schmierer, Randalierer und Ausländer, alle, die vermeintlich um so viel besser leben als Ottonormalbürger, der ja noch bis aufs letzte Hemd von „denen da oben“ ausgesaugt wird (und das bissl schwarz aufm Bau helfen beim Heinz zählt ja nicht wirklich) – sie alle haben bekommen, was sie verdienen, werden sie denn erwischt und man hat es ja schon immer gewusst (und früher war alles besser).

Im Grund dient beides, Häme und Empörung, natürlich dazu, sich moralisch überlegen zu fühlen und das eigene normkonforme Verhalten zu rechtfertigen, so jedenfalls meine Schnellschussanalyse, die auch nicht viel schlechter ist als das, was manche Kriminologen so verzapfen (alle anderen können versuchen das Ganze als labeling approach zu theoretisieren). Um es klar zu stellen: Wir von prochaine arrêt heißen natürlich in keiner Art und Weise irgendeine Form von Kriminalität gut, doch sollten gerade die offiziellen Behörden einen weitaus sachlicheren Stil führen, als er in den Meldungen immer wieder durchschimmert. Oder ist die Polizei hier doch ein verkappter Karnevalsverein?

Hier nun eine kleine Auswahl aus den letzten zwei Monaten, die an sich schon repräsentativ sind.

„Witzige“ Spitznamen und Beschreibungen sind meist an der Tagesordnung, kann man so den gestellten Tätern doch nochmal eins auswischen. Da ist die Rede von Gaunerpärchen und alten Bekannten, da hatte einer schon mal „Pech“ oder schwer zu schleppen und Buntmetalldiebe waren keine Langschläfer. Manche machen eine „Einkaufstour“ und auch andere „kaufen rege ein“, da kann man am Ende schon sagen: Es hat sich wieder einmal gelohnt!

Bunt treibt es die Kollegin, die sich hinter dem Kürzel Ba. verbirgt (kann jeder selber rauskriegen), deren Lieblingswort ganz offensichtlich „Langfinger“ ist:

04.06.2011: Gegen alle drei Langfinger wird nun wegen Diebstahls ermittelt.
06.07.2011: Die Langfinger durchsuchten alle Zimmer der Firma und wurden auch fündig.
09.07.2011: Innerhalb von dreieinhalb Stunden suchten unbekannte Langfinger die gastronomische Einrichtung auf. […] Insgesamt stahlen die Langfinger einen vierstelligen Geldbetrag. Der entstandene Sachschaden ist analog des Diebstahlschadens.
09.07.2011: Unbekannte Langfinger hebelten die Tür zum Einkaufmarkt [sic] auf und verschafften sich somit Zutritt zu dem Verkaufsraum des Marktes.
11.07.2011: Ein 31-jähriger Ladendetektiv beobachtete im Supermarkt in der Spirituosenabteilung das rege „Einkaufen“ eines Kunden. […] Bei dem Langfinger handelte es sich um einen polizeibekannten 24-jährigen algerischen Staatsbürger und Betäubungsmittelkonsumenten.
15.07.2011: Der 36-jährige Ladendetektiv des Drogeriemarktes beobachtete in der Parfüm-abteilung [sic] das Treiben eines sehr interessierten Kunden. Dieser schaute aus-schließlich [sic] nur nach sehr teuren Artikeln. […] Der Langfinger ist auch kein Unbekannter bei der Polizei, es handelt sich um einen 30-jährigen libanesischen Betäubungsmittelkonsumenten.
20.07.2011: Unbekannte Einbrecher begaben sich in den Hinterhof und schlugen hier eine Fensterscheibe vom Frisiergeschäft ein. Durch das Fenster stiegen die Diebe ein und durchsuchten alle Räume des Geschäftes. Die Langfinger stahlen eine Bargeldsumme im dreistelligen Bereich.

Besonders eigenartig wird es, wenn selbst noch bei (für den „Kriminellen“) lebensgefährlichen Situationen die eine oder andere lustige Bemerkung fallen muss:

„Glück im Unglück“: Der Radfahrer stand auf und lief ohne seinen Drahtesel mitzunehmen in Richtung Fockestraße. Da dem couragierten Leipziger dies alles recht „Spanisch“ vorkam und er sich sorgte, da der Radfahrer am Kopf und Schulter blutete, verständigte er umgehend die Polizei. […] Anzumerken ist, dass der Fahrradfahrer mit fast 2,2 Promille unterwegs war. (Ba)

„Spanisch“ kommen einem auch manche Erklärungen vor:

Beschaffung fehlgeschlagen: Schnell wurde klar, dass es sich bei dem Mann um einen Betäubungsmittel-Konsumenten handelt. Alles, was dafür notwendig ist, trug er in seinem Rucksack bei sich: Schmelztiegel, Einwegspritzen, Kanülen und Alkoholtupfer. Damit scheint klar, dass der Kaffee offensichtlich für den „Schwarzmarkt“ gedacht war und das Entgelt für den „Drogenmarkt“. (FiA)

Wenn es ganz schlimm kommt, kriegt auch noch der Geschädigte sein Fett weg:

„Böses Erwachen“: Ein 49-jähriger Leipziger muss seinen Augen nicht getraut haben, als er am Morgen nach dem Aufstehen nach seinem Reisegepäck schaute, denn da war es weg. […] Außer dem Reisegepäck stahlen die Diebe noch eine Digitalkamera, drei Laptops und eine derzeit unbekannte Geldsumme. Ob der Leipziger seine Reise antrat ist der Polizei nicht bekannt. (Ba)

Hat man sich über all das erstmal scheckig gelacht, sodass das Zwerchfell schon schmerzt, schaltet sich dann doch irgendwann das Gewissen ein und man kriegt sich gar nicht mehr ein vor Empörung über die Dreistigkeit, mit der allenthalben betrogen und geklaut wird.

Leichte Formen sind dabei noch:

Mädchen stehlen in drei Geschäften: Sie bekamen einfach nicht genug, das wurde gestern zwei weiblichen Ladendieben (15, 17) zum Verhängnis. (Co)

Ladendiebin am „Depot“ gestellt: Sie deponierte das Diebesgut anschließend in einem Schließfach außerhalb des Marktes. Da dies noch nicht genug war, begab sie sich erneut in den Markt und wiederholte die oben beschriebene Masche. (Co)

Schwerwiegender wird es schon, wenn Nichtigkeiten oder ältere Menschen im Spiel sind:

Betrüger zum Opfer gefallen: Dreister geht es fast schon nicht mehr, eine 84-jährigie Seniorin wurde Opfer von zwei Trickbetrügern. (Ba)

Schwere Verletzung in Kauf genommen: Was das für einen älteren Menschen bedeuten kann, lässt sich mit gesundem Menschenverstand erahnen. (FiA)

Wegen einer Tüte Brötchen… wurden Schmerzen und Verletzungen billigend in Kauf genommen. Doch der Reihe nach: Ein 27-jähriger Mann kaufte bei einem Bäcker eine Tüte voll Brötchen. Kurz nachdem er den Laden verlassen hatte, wurde er von einer Gruppe, zwei Männer und eine Frau, bedrängt und um Brötchen und Zigaretten angebettelt. Dies geschah in aggressiver Art und Weise. Während einer der Männer dem 27-Jährigen den Weg abschnitt, trat der zweite Mann dem Geschädigten in den Rücken, sodass er zu Fall kam. Anschließend wurde die Tüte Brötchen gestohlen. Die Frau unternahm nichts, um dem 27-Jährigen zu helfen (FiA)

Aber natürlich geht es den Beamten von der Polizei in erster Linie darum, verirrte Mitmenschen auf den rechten Pfad zurückzuführen. Daher zeigt man sich ab und zu auch um das Wohlergehen einiger „Täter“ besorgt:

„Hopfen und Malz“ verloren?: Früh übt sich…wer ein Meister des sozialen Abstiegs werden will? Hoffentlich nicht! Ein erst 14-jähriges Mädchen stahl gestern Abend einem 82-jährigen Mann den Beutel. (FiA)

Erwischt mit Drogen: Das Positive an der Geschichte ist, dass es zu keinem Unfall kam, bei dem möglicherweise völlig Unbeteiligte verletzt wurden. (FiA)

Doch ab und zu platzt den Ordnungshütern offenbar der Kragen ob der Dummheit mancher Mitbürger:

Opel allein unterwegs: Dass so mancher Fahrzeugführer gelegentlich vergisst, die Handbremse anzuziehen, ist hinlänglich bekannt. Aber es ist möglich, die Unachtsamkeit noch zu steigern. Eine 48-jährige Fahrzeugnutzerin wollte einen Brief in den Briefkasten einwerfen. Jeder vernünftige Autofahrer würde nun sein Fahrzeug abstellen, den Motor ausschalten, Gang einlegen und manchmal auch die Handbremse anziehen. Nicht so in unserem Fall: Die 48-Jährige ließ den Motor laufen, zog die Handbremse nicht an und ließ die Gangschaltung in gewohnter Stellung. Das war nicht sehr schlau, denn es handelte sich um ein Automatikgetriebe. Der Gang blieb also im Modus „drive“ und der Opel tat das, was er sollte: Er fuhr einfach weiter – ohne Frauchen. Allerdings stellten sich dem Flüchtigen ein Hyundai und ein Ford in den Weg. So war es mit der Flucht schnell vorbei, allerdings mit Narben an allen drei Fahrzeugen. Rund 3.000 Euro Schaden, das ist die Bilanz des Unfalls und schlussendlich ein viel zu teurer Brief. (FiA)

Nicht gerade häufig, aber dann doch mit Wucht, bricht es auch schonmal ehrlich aus den Beamten heraus. Dann sagen sie die Sachen so, wie sie sie auch meinen.

Handschellen klickten: Polizeibeamte in Zivil, im Leipziger Stadtgebiet eingesetzt zur Bekämpfung der Drogenkriminalität, beobachteten am Nachmittag im Bereich einer Pension in der Gießerstraße zwei Männer, offensichtlich Ausländer. Die beiden fielen den Beamten ob ihres Verhaltens auf der Straße auf. (Hö)

Raub: Dabei lenkte eine Person die Verkäuferin (74) durch ein Gespräch ab, während die andere sich aus der Ladenkasse bediente. […] Die Täter wurden von der Verkäuferin nach ihrem äußeren Erscheinungsbild als Ausländer beschrieben. (PN)

Junkie bei versuchten Einbruch gefasst: Gegen den Junkie wird nun wegen des versuchten Einbruches und Sachbeschädigung ermittelt. (Ba)

Einbrecher auf Dach geflüchtet: Der 22-jährige Junkie schlug ein Loch in die Scheibe der Terrassentür und ge-langte so in die Räume der Kindertagesstätte. (Ba)

Ist man allerdings erst einmal so weit, den sachlichen Ausdruck für pejorativ besetzte Begriffe zu opfern, wünscht man sich natürlich, Gott selbst möge die Kriminellen auf der Stelle niederstrecken oder zumindest schwer verletzen:

Leider ist die Katze kein Wachhund, sonst hätte der Einbrecher vielleicht ein paar Bisswunden davongetragen und nicht das Eigentum anderer Leute. […] Erst am Morgen stellten die Eheleute fest, dass sie in der Nacht ungebetenen „Besuch“ hatten und bestohlen wurden. (FiA)

Doch die Polizeimeldungen sind ja nicht nur ein Ort für Häme und Rechthaberei, sie bergen ab und an auch wunderschöne kleine Anekdoten, wie sie nur das Leben Morbus Leipzig hervorbringen kann:

„Keine Zeit …“ ich habe es eilig, muss einkaufen“, mit diesen Worten wollte eine Fahrradfahrerin gestern Mittag Polizeibeamte „abspeisen“, als die Gesetzeshüter die Frau auf ihr verkehrswidriges Verhalten hinweisen wollten. Die ältere Dame (71) fuhr auf Grund einer 10 m langen Baustelle anstatt auf dem Fuß- und Radweg auf der Straße, und zwar in entgegengesetzter Richtung. Um die Radlerin nicht zu gefährden, musste der Fahrverkehr in Richtung Slevogtstraße auf die linke Fahrspur wechseln. Zunächst reagierte die Leipzigerin sehr ungehalten auf die Aufforderung zum Anhalten und setzte gleich darauf ihre Fahrt fort. Einer der Beamten wiederholte seine Forderung, die Frau ignorierte dies erneut. Nach wiederholten Aufforderungen gelang es ihm dann, die Frau zu stoppen. Daraufhin zeigte sie sich sehr anmaßend gegenüber den Polizisten. Sie war auch nicht bereit, ihre Personalien herauszugeben. Doch die Dame hatte nicht mit den aufmerksamen Augen der Beamten gerechnet: An ihrem Rad befand sich ein Registrieraufkleber der Polizei. Damit gelang es, die Daten zu ermitteln. Da damit jedoch die Identität nicht zweifelsfrei geklärt war, wollten die Beamten die Frau fotografieren, da sie partout keinen Ausweis vorzeigen wollte. Nun gab sie vor, die Zunge zeigen zu wollen. Als eine Beamtin das Lichtbild fertigen wollte, hielt sie die Hände und den Einkaufsbeutel vor ihr Gesicht. Sie wurde aufgefordert, dies zu unterlassen. Als sie sich dann fallen ließ, wurde sie fixiert. Anschließend blieb sie noch einige Minuten liegen und ließ sich unter keinen Umständen aufhelfen. Nach den polizeilichen Maßnahmen setzte sie dann ihren Weg fort. Auf Grund des angefertigten Lichtbildes konnte die Frau dann eindeutig identifiziert werden. Gegen sie wird wegen Widerstandes gegen Polizeibeamte ermittelt. (Hö)

Daher mein Fazit: Liebe Polizei respektive Pressestelle. Als einer der Wenigen, die den Dreck auch lesen, den ihr so verzapft, sage ich: Lasst doch den Quatsch!

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7 Antworten auf „Polizeisprech“


  1. 1 tee 26. Juli 2011 um 18:10 Uhr

    wegen der historie und vollständigkeit mal das: http://brennessel.blogsport.de/2007/10/13/spitze-federn-in-der-amtsstube/

    allerdings ist dort inzwischen frischer personeller wind ein gekehrt.

  2. 2 KN 27. Juli 2011 um 7:22 Uhr

    Soll dasn wirtz sein hier oder was? Ihr SPINNER!!! GEHT ARBEITEN!!

  3. 3 prochaine arrêt 27. Juli 2011 um 9:19 Uhr

    Kein wirtz! Leider!

    Arbeiten??! SELBER!

    achja, und: das ist hier nicht der kommentarbereich der LVZ!

  4. 4 il cavaliere 27. Juli 2011 um 13:11 Uhr

    @tee: danke für den hinweis, aber wie mir gerade mitgeteilt wurde, hat selbst der Mensablog das Thema schonmal behandelt (muss ich zwischen all dem Beige übersehen haben):
    Kalauer meets Körperverletzung

  5. 5 tee 27. Juli 2011 um 14:26 Uhr

    aber? und!

  6. 6 prochaine arrêt 27. Juli 2011 um 18:37 Uhr

    „und/oder“! soll ja jeder zu seinem recht kommen ;)

  1. 1 Kategoriefüller « tee Pingback am 26. Juli 2011 um 18:19 Uhr
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